Deutsche Übersetzung “Was assoziieren Sie mit dem Ausdruck ‘Zigeuner’ “

Das Portal EU-Infothek hat einen Artikel über das Romanistan Projekt veröffentlicht. Hierzu möchte ich meinen Mapping Text, der im Rahmen dieses Artikels ins Deutsche übersetzt worden ist, auf unserer Seite veröffentlichen:

„Als ich vor Kurzem in Belgrad war, fuhr ich mit meinem Freund und seinem Kind im Auto. Beim Zurücksetzen des Wagens hätte mein Freund beinahe einen Fußgänger übersehen, aber sein sechsjähriger Sohn rief: ,Pass auf! Du überfährst einen Zigeuner!‘
Es war das erste Mal, dass ich darüber nachdachte, warum ein Sechsjähriger zwischen einem Fußgänger und einem ,Zigeuner‘ unterschied. Der Begriff war ganz selbstverständlich, spontan und fast ,unbewusst‘ benützt worden. Aus einfachem Hass kann er nicht entstanden sein. Die Erfahrung aus dem Arbeitsprozess im Rahmen von Romanistan hat mich zu einer neuen Nachdenklichkeit geführt: Wie kommt es, dass ein kleines Kind bereits den Begriff ,Zigeuner‘ mit bestimmten Eigenschaften in Verbindung bringt? Ich hatte offensichtlich meinen Blick verändert und diese Situationen anders bewertet als früher.

Wer ,Zigeuner‘ ausspricht, denkt an minderwertige, schmutzige und ungebildete Personen, BettlerInnen, Diebe und VagabundInnen. Bei der oben geschilderten Episode erinnerte ich mich meiner Schulzeit in Belgrad. Meine Schule lag in einem Stadtteil von Belgrad, der Zemun heißt und in der eine Roma-Siedlung liegt, die ,Zigeunerlöcher‘ genannt wird. In meiner Klasse waren wir 18 Roma-Kinder und 17 Nicht-Roma. Dies war eine ungewöhnliche Zusammensetzung, da selbst in Zemun meist nur vier bis fünf Roma-Kinder in den Klassen waren.
Die Roma von Zemun arbeiteten an einem Flohmarkt, der sehr beliebt war, da dort Waren aus dem Ausland zu erhalten waren. Sie unterschieden sich von den anderen Roma in Belgrad, da sie Moslems waren und dadurch andere Bräuche hatten. Ich war der einzige Rom in der Klasse, der nicht aus der Siedlung kam und nicht Moslem war. Ich war auch der einzige Rom, der im Park mit Nicht-Roma-Kindern spielte und Orte aufsuchen konnte, an denen Roma-Kinder unerwünscht waren. Meine Lehrerin war sehr bemüht, Kinder mit Lernschwierigkeiten zu unterstützen, und ich nahm sie als unvoreingenommen und inkludierend wahr, während die Roma in der Nebenklasse von ihrer Lehrerin offen diskriminiert wurden.

Für meine MitschülerInnen aus der Roma-Siedlung war es sicher nicht leicht, sich in der Schule zurechtzufinden. Sie wurden von den anderen Kindern verspottet und ausgegrenzt. Ihre moslemischen Namen klangen anders, mit der Sprache hatten sie Schwierigkeiten, und aufgrund der mangelnden städtischen Infrastruktur in der Siedlung kamen sie oft schmutzig zur Schule. Ein Großteil der Kinder hat die Schule früh verlassen, nur ein paar haben die Grundschule abgeschlossen. Wer zu Hause keine Hilfe und Motivation beim Lernen erhielt, schaffte es nicht. Einige von ihnen mussten bereits mit zehn Jahren zum Familienunterhalt beitragen und verkaufen Zigaretten in der Stadt. Aufgrund der materiellen Bedingungen war es sehr schwer für sie, die sozialen Verhältnisse von Zemun zu überwinden und kaum einem/r ist es gelungen.

Es ist schwierig, ohne eine abgesicherte materielle Basis zu leben und unter solchen Bedingungen eine Ausbildung zu Ende zu führen. Wer in sicheren Verhältnissen lebt, mag das nur schwer nachvollziehen können, aber es ist das Schicksal von sehr vielen Roma.

Ich hoffe, dass sich die vorherrschende Meinung von Roma verändern wird, aber das kann erst dann geschehen, wenn auch sie unter menschenwürdigen Bedingungen leben können und ihnen die gleichen Chancen geboten werden, damit sie Zugang zu Ausbildung, Arbeit und Wohnungen erhalten.“


Hinterlasse einen Kommentar